1914-1918. Der Erste Weltkrieg. Ereignis und Erinnerung

Sonderausstellung
Deutsches Historisches Museum, Berlin (12. Mai bis 15. August 2004)

Im August 2004 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 90. Mal. Aus diesem Anlass zeigt das Deutsche Historische Museum eine große kultur- und mentalitätshistorische Ausstellung über die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Die Präsentation erstreckt sich über alle Etagen der spektakulären Wechselausstellungshalle des chinesischen Star-Architekten I. M. Pei.

Mit einer Fülle von Exponaten von weit über 100 Leihgebern rücken die Ausstellungsmacher den ersten globalen Konflikt des 20. Jahrhunderts stärker ins öffentliche Bewusstein. Und dies aus gutem Grund: Als „Grande guerre“ und „Great War“ ist der Krieg von 1914/18 in Frankreich und im englischsprachigen Raum noch sehr präsent. In Deutschland hingegen steht er im Schatten des Zweiten Weltkriegs.

An aktuellen Tendenzen der Geschichtsschreibung orientiert, stellt die Ausstellung die Rezeption des Krieges im individuellen und kollektiven Gedächtnis der Nationen in den Mittelpunkt. Stets geht es um die Wechselwirkung zwischen historischem Ereignis und Erinnerungsprozess.

Anders als zumeist üblich beschränken sich die Kuratoren nicht auf die sogenannte Westfront. Viele Exponate stehen für die Kriegserfahrungen und Kriegserinnerungen ost- und südosteuropäischer Länder und sind teilweise erstmals in Deutschland zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Schlaglicht auf das Europa des Fin de Siècle, geprägt durch grenzüberschreitende Vernetzungen, Kulturtransfer, aber auch durch Nationalismus und Wettrüsten. Im ersten Teil geht es um den modernen Krieg an der Front und im Heimatgebiet. Die Schützengrabenerfahrung kommt hier genauso zur Geltung wie die internationale Kriegspropaganda. Im Zentrum steht weit eher das Kriegserlebnis des einfachen Soldaten, als der Krieg der Generäle. Weitere Themen sind Rüstungsproduktion, Nahrungsmangel, waffentechnischer Fortschritt und der Umgang mit Verwundung und Tod.

Den Folgen des Krieges ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Weder der Versailler Vertrag, noch die Neuordnung Europas nach dem Nationalitätenprinzip oder die vorsichtige deutsch-französische Annhäherung führten zu einem dauerhaften Frieden. Große Teile Ost- und Mitteleuropas wurden durch Grenzkonflikte, Bürgerkriege und Revolutionen erschüttert.

Der dritte Teil entfaltet das Panorama nationaler und individueller Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Siegermächte und Verlierer entwickelten sehr unterschiedliche Formen der Erinnerungspolitik. Osteuropäische Staaten bezogen ihre Symbolik viel eher aus der Oktoberrevolution und neuer nationaler Unabhängigkeit, als aus den Kämpfen von 1914/18.

Mit einer „Spurensuche“ klingt die Ausstellung aus: spannungsreich werden unterschiedliche künstlerische Positionen zum Ersten Weltkrieg in Fotografie und Malerei präsentiert. Künstliche Beete mit Klatschmohn greifen ein Motiv auf, das sich im französisch- und englischsprachigen Ausland als emotionales Erinnerungssymbol für die Kriegstoten etabliert hat.

Pressestimmen

„Doch der Nüchternheit der Ausstellungsmacher ist es zu danken, dass trotz des modischen Kotaus vor dem Erinnern die Verwandlung der historischen Zeugnisse in Devotionalien unterbleibt. Jedes Objekt bleibt für sich und wird aus seinen eigenen Bedingungen heraus erläutert (…) Es ist die Sprache, die wir verstehen, und sie besitzt für den heutigen Ausstellungsbesucher wohl die größte Autorität.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Zu den großen Vorzügen dieser Ausstellung gehört, dass sie die Konflikte des frühen 20. Jahrhunderts darstellt, ohne sie im Sinne einer ‚nationalen Meistererzählung’ zu bewerten. Der Besucher muss seine eigenen Schlüsse ziehen aus der widersprüchlichen Fülle der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Entwicklungen der verschiedenen europäischen Länder, die hier sehr fein aufeinander abgestimmt präsentiert werden.“ (Neue Züricher Zeitung)

„Wer durch diese Ausstellung geht und einen Sinn für historische Zusammenhänge hat, dem wird klar, welche Verödung des deutschen Geschichtsbewusstseins auf Hitler bedeutet. Im neuen Europa allerdings atmet es sich geschichtlich anders, ein neues Geschichtsgefühl beginnt sich einzustellen. Im DHM kann man daran teilhaben.“ (Die Welt)

Links

Dokumentation im Ausstellungsarchiv des Deutschen Historischen Museums:
www.dhm.de

 

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